Architekt Ziviltechniker

global – specific
Der Körper und das Spezifische in Architektur und Stadt der globalisierten Welt

Löcker Verlag. Broschur. 300 Seiten. ISBN 978-3-85409-567-5.


Anmerkungen zu Text & Forschung

Ausgangspunkt von »global-specific« war es, in der Umkreisung des Themas Bezüge zwischen einer Theorie der Architektur und verwandten Theorien der Geistes- und Kulturwissenschaften herzustellen, die unter Bedachtnahme auf Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit neue Erkenntnisse in der Art eines gesamtheitlichen Blicks auf die aktuelle Situation ermöglichen. Die Zitate wurden absichtlich in den laufenden Text eingefügt, um dem Text ein Fließen zu ermöglichen, in dem mehrere Stimmen gleichzeitig zu Wort kommen können. Eine Trennung in den Kommentar und in die Bezugstexte hätte der Intention des Autors grundlegend widersprochen.

VORSPANN

Im vorliegenden Text geht es um die treibenden Faktoren unseres gegenwärtigen Tauschverhaltens und sozialen Handelns, das auf einer dafür notwendig erscheinenden Fiktion fußt. Diese Fiktion wird allerdings im Regelfall nicht bewusst wahrgenommen. Auch Handlungen werden größtenteils als bewusst gesetzt empfunden. Vieles baut auf der nicht erkannten – oder auch vagen – Beziehung von Präsenz und Repräsentation auf, oder der sehr beweglichen Grenze zwischen beiden – je nach Sinn- und Bedeutungskonstruktion. Dieses Phänomen ist allerdings ein Grundsätzliches, es hat nur peripher mit dem »postmodernen Menschen« im Speziellen zu tun. Die ökonomischen Regelungen unseres Zusammenlebens basieren auf einem Trugbild, an das aber durchaus geglaubt wird. Das Phänomen des »Globalen«, das damit in einem wirksamen Zusammenhang steht, scheint mithilfe der neuen Technologien – wie oft behauptet – einen Paradigmenwechsel zu bedingen. Was dabei aber außer Acht gelassen wird, ist der Einfluss der situationsbedingten Mikrobereiche, die eine Differenz auf das Globale hin bzw. das »Spezifische« selbst erst erzeugen. Das Spezifische ist für die Bedeutungsproduktion sozialen Handelns und des zugehörigen Raumes immens wichtig, wird aber im globalen Blick universeller Wirkungen immer wieder vergessen. Die »Logik des Sinns« erhält auch durch das Gegenüber des »Unsinns« ihre Bedeutung und wird vom Körper und seinen Symptomen immer wieder gestört. Der Körper wiederum wird von unterschiedlichsten Phantasmen beeinflusst. Die soziale Wertsetzung steht damit ebenso in Verbindung wie die Frage nach einem neuen Paradigma (Kap1).

In den einzelnen Kapiteln wird genauer untersucht, wie die verschiedenen – für die Fiktion wirksamen – Bereiche des Subjekts, seiner Aneignung des Raumes, des Spezifischen und des Transfers mit der phantasmatischen Grundsituation, in der wir uns aktuell befinden, interagieren. Ebenso wird ein historischer Bezug zu Entwicklungen in Architektur, Urbanismus und Philosophie sowie zum globalen Tauschverhalten seit den 50er Jahren hergestellt. Rotterdam als paradigmatische Transitstadt der Nachkriegsmoderne wird in diesem Zusammenhang beispielhaft beschrieben (Kap4+5). Dies soll zeigen, wie der ad-hoc-Zustand der Stadt von dieser Zeit beeinflusst wurde, und wie sich räumliche Verbindungen und Trennungen konsequent daraus weiterentwickelt haben.

Dem Ineinanderwirken des Körpers und seiner Hüllen – speziell der Architektur und des Raumes – ist in der Recherche ein zentraler Platz eingeräumt, um aufzuzeigen, dass die öffentlichen Räume des direkten Austausches, die dem Körper Präsenz zuschreiben, im Verschwinden begriffen sind, die transitorischen Räume dagegen zunehmen – aber nur mehr einen flüchtigen öffentlichen Part übernehmen können. Andererseits ist von einem immer stärker werdenden Übergewicht der Repräsentation des Raumes auszugehen, der dem Körper selbst in seiner Präsenz immer weniger – und den ökonomischen Institutionen immer mehr – Platz einräumt, was aber letztlich seine Symbolfähigkeit einschränkt. Der Körper existiert in der globalisierten Gesellschaft meist nur mehr als Repräsentation eines Idealbildes seiner selbst, der die Lebendigkeit fehlt. Die Repräsentation wird zu etwas »Aufgesetztem« gemacht. In diesem Zusammenhang wird das »Spezifische« wichtig, das in hohem Maße für die Produktion von Raum zuständig ist. Diese Zuständigkeit muss aber immer wieder über längere Prozesse hergestellt werden – als Form, die das Ästhetische und das Soziale verbindet.

Im Text wird dies in den Passagen über Subjekt und Selbsttäuschung (Kap6) und über das Spezifische (Kap7) anhand von Beispielen erarbeitet. Die narzisstische Phase der Ich-Werdung wird als zentraler Auslöser fiktiver (imaginärer) Momente für die Festlegung der Körpergrenzen dargestellt. Diese Momente sind gleichzeitig auch verantwortlich für die Selbsttäuschungen des Subjekts und für seine Auseinandersetzung mit dem »Anderen«. Sie formen eine Sprache, die gleichzeitig den Versuch unternimmt, die vor der Ich-Werdung bereits vorhandene Symbolik wieder herzustellen. Diese Phänomene des Inneren spiegeln sich auch in den äußeren – wie in der Abhandlung über das Raster mit seiner Doppelbedeutung ausgeführt wird. Diese Charakteristik erwächst auch aus der Fiktion des Neuen der Moderne und hat die revolutionäre Idee des Neuen Menschen hervorgerufen, die über das Stück »Marat|Sade« von Peter Weiss untersucht wird, in dem sich mehrere Zeiten über die Geschichte verschränken.

Die Fiktion, das Sublime, die erweiterte Skulptur und das Singuläre erlangen zentrale Bedeutung für den Wahrnehmungsprozess und die Konzeption des Spezifischen. Die Geste und das Zeichen sowie Immanenz und Transzendenz stellen sich als prägende Faktoren für die Differenz und Bedeutung des Spezifischen heraus. Das Spezifische kann als symbolbildend angenommen werden. Allerdings erfordert dies eine Bereitschaft von allen Beteiligten, diese Arbeit der Wiederaneignung des Symbolischen zu leisten – und nicht in einer vermeintlich symbolisch-oberflächlichen und homogenen Bildersprache steckenzubleiben. Etwas Heterogenes muss sich über die Differenz verwirklichen können.

Das in manchen Bereichen öffentlichen Handelns vorherrschende Prinzip der Trennung, das der »sozialen Plastik« im Wege steht, ist zu hinterfragen. Die veränderte Rolle der Architektur zwischen »Branding« und inszenierten Repräsentationsräumen wird anhand des gegenwärtigen finanzorientierten Tauschverhaltens untersucht (Kap2), das sich schon weit von älteren und direkteren Tauschformen – wie zum Beispiel dem »Potlatch« oder dem »Kula« (Kap3) – entfernt hat.

Über den Transfer (Kap8) wird die Bedeutung der Konstruktion von ¬Situationen und ihre bewusste Aufnahme im sozialen Zusammenspiel mit dem Körper dargelegt. Einerseits wird gezeigt, wie die Wahrnehmung durch das umherschweifende Gehen im öffentlichen Raum funktioniert. Andererseits wird erläutert, wie aus dieser teilnehmenden Wahrnehmung heraus die nächste Konzeption bzw. Produktion des Raumes erwächst. Der »Unitäre Urbanismus« und der damit verbundene »Homo ludens« tauchen als uneingelöste Utopie am Horizont auf.

Die Aneignung des Raumes (Kap9) entwickelt sich über das Bild der Stadt und ihre kommunikativen Qualitäten. Alle untersuchten Phänomene kulminieren in ihr und resultieren in unterschiedlichen Verhaltensformen. Der Kampf um Raum erfährt hier eine verschärfte Ausformung, das Thema Öffentlichkeit eine hohe Stringenz. Durch die harten Grenzen, die dabei entstehen, werden die aktuellen Problempunkte und Wünsche in Bezug auf das Zusammenleben augenscheinlich. Formen der direkten körperhaften Aneignung des öffentlichen Raums – sowie das Gegenteil der Ghettobildung und der bewusst produzierten Repräsentation des Raumes – kommen zur Sprache.